Montag, 28. November 2011

Rishikesh.

Luft, Natur, wie ich das vermisst habe. Inmitten von Bergen liegt Rishikesh, die Stadt der Yogis und Ashrams. Bekannt geworden durch den Besuch der Beatles. Der Ganges zieht sich in seiner vollen Pracht durch den Ort. Das Wasser ist klar und wild, wer hätte das gedacht. Über den Fluss führen zwei schmale Metallbrücken. Durch die Gassen ziehen sich Kleidungs- und Schmucklädchen. Der Ort zieht aus aller Welt Menschen an. Inmitten der Massen begegnen wir häufig anderen Backpackern. Ein kurzes Lächeln hüpft über die Lippen. So, so auch auf der Suche nach neuen Erfahrungen.

Überall findet man eine Unterkunft, sowie kleine Cafés, des Öfteren mit der Aufschrift „German Bakery“. Zimtschnecken. Der absolute Wahnsinn. Ein Cappuccino mit Blick auf das schimmernde Wasser. Niemand möchte an die Rückreise denken. Die Affen belagern die Brücke, was früher oder später ja dazu führen musste, dass mir ein Affe die Tüte Äpfel aus der Hand reißt. Drecksack, aber mit dem Kleinen lege ich mich lieber nicht an. Eine Gruppe von Hare Krishnas laufen durch die Straßen. Wir werden Beobachter einer Beerdigung, die weitere Zuschauer findet. Der Gesang erfüllt die Straße, wir setzten uns auf die Treppe, die zum Ganges hinunter führt. Die Kleider des Verstorbenen werden in dem heiligen Fluss gewaschen, bis die Asche schließlich übergesetzt wird.
Bei einem Spaziergang entdeckten wir eine kleine Bucht. „No Bikini, Holy Place“. Direkt am Wasser ließen wie uns auf den Steinen nieder. Endorphine hüpften durch meinen Körper. Ein mystischer Augenblick. Die Füße in das eiskalte Wasser getunkt, umgeben von den grünen Bergen, tanzte das Licht auf dem Wasser. Frische Luft strich über mein Gesicht. Und da war sie, die Ruhe. Eingehüllt in diese Atmosphäre, verloren sich Zeit und Gedanken. Eine Traumsequenz. 
Zum Ausklingen des erholsamen Kurzurlaubs, wollten wir uns noch eine letzte Lasagne gönnen, die nicht nur köstlich schmeckte, sondern auch unseren Aufenthalt verlängerte. Wir verpassten unseren Zug, oder besser gesagt, wir versuchten erst gar nicht ihn noch zu bekommen. Anstatt uns zu ärgern konnten wir nur über uns selbst lachen. 

Das kalte Wasser schwappt ins Boot, klatscht mir gegen den Körper. Das Gummiboot treibt den Ganges entlang. Zwischen den starken Strömungen ziehen sich unendlich schöne Strecken durch die Natur. Unsere beiden Begleiter geben uns ein Zeichen. Hier können wir ins eisige Wasser gleiten, in dem heiligen Fluss baden. Ich reiche einem von ihnen die Hand, er packt mich an der Weste. Hau Ruck, wie einen dicken Fisch zieht er mich an Board. Erneut gelangen wir an eine wilde Stelle, das Boot senkt sich zur Seite, die Wellen bringen uns ins Wanken. Zu unserer rechten Seite ragen Klippen empor. Die beiden  Kameraden zeigen hinauf. „Come on, let’s jump down.” Nach vorne hin eröffnet sich ein wunderbarer Blick auf die Berge. Ich kann jedoch nur herab blicken. Süße 7m. Das Adrenalin schießt durch meinen Körper. 1, stell dich nicht so an!, 2, Moment, muss ich etwas beachten? Er zuckt die Schultern „ I don’t know.“, 3, Ich blicke nach vorne. Ein Schritt und ich falle. Das Wasser empfängt mich mit kalten Armen, jedoch nicht so sanft wie erwartet. Wer hätte gedacht, dass es so befreiend sein kann, den Boden unter den Füßen zu verlieren? 

Unterwegs mit Zug und Bus.


“It´s a fake!” Zwei Typen rennen Lena, Carina und mir hinterher. Sie halten uns ihre Ausweise vor die Nasen. „You´ve got ripped off“. Das kann doch einfach nicht sein, verdammt. Buche niemals in irgendeinem x-beliebigen Reisebüro einen Trip, denn eins ist sicher: Du wirst verarscht. Wir glücklicherweise nicht. Der Trip kann beginnen.
In dem dämmrigen Licht der Laternen häufen sich die Massen vor der Railwaystation. Familien in Aufbruchstimmung. Wir schlängeln uns durch Koffer und Menschen hindurch zur Sicherheitskontrolle. Am Gleis angekommen ist Achtung geboten. In dem Chaos wird man leicht auf die Schienen geschubst. Die Nächte werden langsam kühl, Mützen zieren die Köpfe und die Wollpullis werden ausgepackt. Ein lustiger Anblick in dem doch so heißen Delhi. Die verschiedenen Klassen, in die der Zug eingeteilt ist, zeigen sich schon am Bahnsteig. Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist allgegenwärtig.  Die einen leisten sich die Sleeperclass, welche wohl kaum luxuriös ist, im Gegensatz zu dem Rest froh über jeden Platz ist, den sie ergattern können. Während wir zuvor an jeder Ecke sparen wollten, sind wir nun dankbar über einen Schlafplatz. Die Betten hängen übereinander. Ich klettere hoch, der Zug nimmt fahrt auf. Die Nacht ist kalt, die Luft von Fürzen durchzogen. Mir ist übel, doch ich finde ein wenig Schlaf. Meine Blase drückt, um die Toilette komme ich nicht herum. Verdammt. Beim herunterklettern trete ich dem Schnarchsack im Flur fast auf sein Gesicht. Ich steige über den dicken Bauch hinweg, stolpere zum Klo. Bloß nichts anfassen. Der Zug wackelt so heftig, dass ich fast in das Stehklo falle. Schnell zurück. Carina weckt mich plötzlich. Scheiße wir müssen raus. Schnell. Der Zug steht, wir drängen uns durch den Flur. Am Ausgang angekommen. Fehlalarm. Fast wären wir am Arsch der Welt ausgestiegen. Wie konnten wir auch davon ausgehen, dass der Zug pünktlich ankommt?! Weiter mit dem Bus.

Die Fenster sind verschmiert, der Lack blättert von dem Metall, hoffentlich fällt die Kiste nicht auseinander „Der ist doch bestimmt 50 Jahre alt“. Nun denn, er bringt uns zu unserem Ziel. Eine junge Inderin setzt sich neben mich, es ist früh morgens, alle sind todmüde. Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter und schläft ein. Gut, dann werde ich das auch mal tun. Mit einem Ruck knallen meine Knie und der Kopf gegen den Vordersitz. Ahh, was ist denn da los? Ach nichts, der Busfahrer hat nur ein geparktes Motorrad umgefahren. Na wenn es sonst nichts ist, kann es ja weiter gehen. Der Bus brettert den Holperweg entlang. Egal wie ich mich versuche hinzusetzten, mein Kopf knallt gegen den Sitz oder gegen das Fenster. Kurz vor einem Schleudertrauma. Was jedoch für das Verkehrsmittel spricht: Wir können für umgerechnet 3 Euro ca. 250 km weit fahren. Nicht schlecht. Da stimmt einfach das Preisleistungsverhältnis.

Vertraut.


Die Treppe hinunter, vorbei an der geöffneten Tür der Nachbarn. Stimmen und Essensgerüche  ziehen heraus. Um die Ecke, der Bananenchipmann nickt mir aus seinem Lädchen zu.
Fast mechanisch bewegt sich die Hand der Frau. Die Nadel sticht durch Stoff und Futter.  Matratzen, Kissen und Decken stapeln sich. Sie blickt hoch, schenkt mir ein Lächeln. Über die Straße, verfolgt von dem Hupen. Menschen beten vor dem kleinen, geschmückten Altar. Die Karren, beladen mit Obst, Gemüse, Nüssen und Popcorn, parken vor den kleinen Lebensmittelläden. Weiter ins Geschäft hinein. Ein Sortiment an Keksen und weiteren Süßigkeiten quellen aus den Regalen hervor. Weißes Toast und Fladen statt dem gewöhnten Vollkornbrot, Käse in verschiedenen Variationen, der Geschmack jedoch bleibt gleich. Maggi, Coca Cola, Nestléprodukte und nicht zu vergessen Alpenliebe. Hallo Globalisierung, du auch hier? Mangelt es an Kleingeld wird auch mal zur Süßigkeiten Box gegriffen. Weiter zu Safal. Obst und Gemüse zu fairen Preisen und mit Digitalwaage abgewogen. Zahlst du heute nicht zahlst du halt morgen.
Eine schmale Treppe führt in den Beauty Salon hinunter. Only Women. Mit dem Faden zupft die junge Frau gekonnt die Augenbrauen. Masken werden auf das Gesicht aufgetragen und jegliche Körperstellen mit dem heißen Wachs bestrichen.
Die Dunkelheit bricht herein. Die kleinen Stechbiester machen es sich auf der Haut gemütlich, die Leute füllen die Straßen. Einkaufszeit. Am Pampestand brodelt es in den riesigen Kesseln. Der Mann neben Aggarwal Sweets packt mit seinen Händen in die Nudeln und schmeißt sie in die Pfanne. Inmitten einer Traube von Menschen pickt der junge Typ flink die Momos aus dem Topf. An der Govind Puri Road erwacht der Fischmarkt zum Leben, die Köpfe werden abgeschlagen, die Hühner aus den Käfigen gezerrt. Wer ist der Nächste? Die Kühe kauen unberührt auf dem Plastik. Der Verkehr blüht noch einmal richtig auf. In den Lärm mischt sich das Jaulen der Hunde.
Das Aufleben vor der Nacht, die sich über Delhi neigt. Ruhe kehrt kaum ein, die Lautstärke senkt sich lediglich auf Minimum.



Mittwoch, 12. Oktober 2011

Tughlakabad.


Sie schütteln die Köpfe. Tughlakabad. Nahin. Die Rikschas ziehen an uns vorbei. Der schlechte Ruf eilt dem Village voraus. Unserem neuen Arbeitsplatz. Ein ungutes Gefühl steigt in Carina und mir auf. Die Blicke folgen uns auf Schritt und Tritt, fast schon Gewohnheit auf den Straßen Delhis. Bisher haben wir nur Teile der riesigen Community gesehen, die aus mehreren Tausenden Bewohnern besteht. Das Dorf unterscheidet sich noch einmal zwischen einer etwas besseren Wohngegend und richtigen Slums. Überall türmt sich dort der Müll, inmitten tummeln sich Schweine, Kühe und Hunde. Auch hier hängt der Gestank in der stickigen Luft. Die Kinder sind begeistert von unserer Ankunft in dem Center. Hier wird auf dem Boden unterrichtet, es gibt kaum Platz, um sich fortzubewegen. Die Lautstärke zehrt an den Nerven. Augen voller Erwartungen. Die winzigen Räume schränken uns ein. Das Center dürfen wir nicht verlassen. Was tun mit einer Horde von aufgedrehter Kinder, die kaum Englisch sprechen? Improvisieren. Entertainen. Wir singen, wir tanzen ,wir versuchen zu kommunizieren, wir sind am Ende unserer Möglichkeiten. Die Kinder sind sehr vielfältig. Lebendig, übermütig, offen, teilweise auch schüchtern, zurückgezogen. Verschiedene Charaktere, die aufeinander treffen.  Shahin führt uns ein wenig herum in einem der Slums herum und erzählte uns über die Hintergründe dieser Menschen. Geprägt von Prostitution, Kinderarbeit und Alkoholismus. Die Armut zeichnet sich bei manchen Kindern äußerlich ab, doch ihr gesundheitlicher und psychischer Zustand lässt sich kaum einordnen. Bisher sehen wir nur den äußeren Schein. Die Geschichten hinter den vielen Gesichtern liegen noch im Dunkeln. Neugierig werden wir beobachtet. Uns kommen drei lachende Kinder entgegen. Schmutzige Hände packen unsere Finger, ziehen uns mit sich mit. 
Im Chaos der Gefühle. Dünne Kinder, Müllberge zwischen denen Zelte aufgespannt sind, trübe Augen, in die das Hineinblicken fast weh tut. Beeindruckend und zutiefst traurig. Ich fühlte mich in diesem Moment einfach betäubt. Shahins Worte über die Landlords, die von diesen armen Menschen auch noch Geld verlangen, um in diesen furchtbaren Verhältnissen zu leben, schüren die Wut in meinem Körper. Fassungslosigkeit.
„I love my India “ ertönt es in meinem Kopf aus den Mündern der Kinder. Welch Ironie. Wir stehen hilflos daneben.


Allerlei.



Einen Mülleimer kann man vergeblich suchen, sollte man doch mal einen finden schreit er „Use me“. Mit den Rikschafahrern hatte man bisher meist hitzige Diskussionen über die erhöhten Preise, die wir unserer Hautfarbe zu verdanken haben. Hier wird die Sonnenbank durch das Bleichungsstudio ersetzt. Da sitzt plötzlich mal ein schmächtiges Kerlchen in einem der klapprigen Kisten und strahlt uns förmlich an. Ab geht’s zu sechst in der gelb-grünen Mühle. Nach Hause, dachten wir vorerst, doch wie sich herausstellte, genoss unser neuer Freund die Zeit mit uns und fuhr uns quer durch Delhi. Während dessen lächelt er zufrieden und redet auf Hindi. „KALKAJI“...“Okee Okee“ war seine Antwort und er lenkte geradewegs in die falsche Richtung. Ein wunderbares Erlebnis mit dem lieben Manush, der uns sicher auch noch bis nach Agra zum Taj Mahal kutschiert hätte.
Die Govind Puri Road liegt auf unserem Arbeitsweg. Sie begrüßt uns stets mit Gestank und lärmendem Verkehr. Fishmarket. Der Duft von ungekühltem Fisch, Hühnern in kleinen verdreckten Käfigen mischt sich mit sämtlichen Abfall, Abgasen und Scheiße zu einem sonderbaren Geruch, der einem die Kotze in die Kehle treibt. Zwischen Menschen, Kühen und unzählige Verkehrsmitteln, von alten Karren bis zu sperrigen Bussen, die teils aus den 80ern zu stammen scheinen, schlängeln wir uns durch zu den Shared Cars. Im besten Fall mit indischer Musik und genug Platz um nicht den Schweiß des Nebenmann an seiner Haut zu spüren. „Sharing is Caring“ Das Grundprinzip hier. Selbst die Packung Chips schmückt die Aufschrift „Sharing Pack“
Auf dem Speiseplan steht hier meist Chapate mit „Pampe“. Verschiedene Gemüsevariationen, die mit den dünnen Brotfladen verspeist werden. Wir essen hier mit den Fingern. Hat etwas Animalisches. Der Balkon trennt unsere WG von der tobenden Stadt. Endlich einmal geschützt vor den Blicken und Kameras. Die Dachterrasse bietet abends einen wunderbaren Ort zum Nachdenken. Die Fledermäuse tanzen hier über den Kopf hinweg und die schummrig beleuchteten Fenster der Nachbarhäuser schmücken die Szenerie. Die milde Abendluft rundet die Atmosphäre ab. So lebe ich hier in Delhi. 


Dienstag, 20. September 2011

Die ersten Tage im großartigen Indien

So, nach den ersten 10 Tagen beginne ich mal ein wenig zu berichten. Indien ist unglaublich. Nun hat jeder bestimmt ein paar Vorstellungen zu diesem Land, doch ich sage euch, das müsst ihr erleben. Der Verkehr ist der Wahnsinn. Von Menschen, Autos, Kühen bis zu Fahrradrikschas findet sich hier alles auf den Straßen. Die Luft ist erdrückend. Die ersten Tage perlte der Schweiß nur so von der Haut, obwohl es sich Richtung Herbst neigt. Hier zu leben scheint erst einmal unvorstellbar, doch man gewöhnt sich schneller als gedacht. Lärm, Dreck und Menschenmassen sind Alltag geworden. Woran ich mich noch nicht gewöhnen kann ist die ganze Zeit von Blicken verfolgt zu werden. Als "Weiße" fallen wir überall auf und gelten auch als Schönheitsideal. Hier lässt man sich doch tatsächlich bleichen! Die Rikschafahrer versuchen einen gerne abzuzocken, doch handeln will gelernt sein. Ich wohne nun mit 3 wunderbaren Mädels in einer WG. Ich spreche von einer kleinen Bruchbude mit 2 Zimmern. Wir haben aber sogar ein westliche toilette und fließend Wasser, wenn wir um 5 Uhr morgens einen Schalter betätigen. Wir gönnen uns noch den Luxus namens Klopapier, mal sehen wie lange noch. Die Highlights sind ein großer Balkon, auf dem man mal seine Ruhe hat und eine Dachterasse. Die Bürokratie ist wie in Deutschland zum kotzen! Ich war bereits in einem Krishnatempel. Die Atmosphäre ist sehr angenehm, da viel gesungen uns getantzt wird. Ich würde sagen hier ist vieles lebendiger. Der Lotustempel ist wirklich beeindruckend und indisches Bier echt nicht zu empfehlen, doch genießbar. Mit dem Essen sind wir noch etwas vorsichtig, aber es gibt wirklich köstliche Sachen. Masala Dosa! Gestern war ich zum ersten Mal an meinem zukünftigem Arbeitsplatz in Tughlakabad Village, einer verarmten Community. Erst einmal fanden wir keine Rikscha, die uns dort hin bringen wollte, da es zu gefährlich sei. Ich fühle mich meistens sicher auf der Straße, doch abends ab 22 Uhr sollte man sich nicht mehr draußen aufhalten. Zwar scheinen alle Freundlich und Hilfsbereit, doch ständig bekommen wir gesagt " be aware". Schon ungewohnt in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein. Die Kinder im Slum sind einfach wunderbar. Alle wollen uns anfassen und möglichst viel Zeit mit uns verbringen. Nun denn, ich könnte noch ewig schreiben,, da die Eindrücke einen nur so überfluten. Bis bald. Namasté